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Mercedes mit H-Kennzeichen: Wenn die Familienautos plötzlich Oldtimer werden

Es gibt Pressemitteilungen, die einen unvermittelt an das eigene Alter erinnern. Mercedes-Benz kündigt an, dass die ersten Exemplare von M-Klasse, A-Klasse und des CLK Coupé 2027 ein H-Kennzeichen bekommen können. Alle drei Baureihen debütierten 1997. Das klingt für mich noch immer eher nach jüngerer Vergangenheit als nach einem Fall für die Oldtimerversicherung.

Tom Schwede
Von Tom Schwede
06. November 2026 6 Minuten Lesezeit
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Die A-Klasse von Mercedes-Benz werden 2027 reif fürs H-Kennzeichen.
Auch die ersten Exemplare der A-Klasse von Mercedes-Benz werden 2027 reif fürs H-Kennzeichen. (Foto: Mercedes-Benz Classic Archive)

Doch der Kalender lässt sich davon nicht beeindrucken. Drei Jahrzehnte sind drei Jahrzehnte. Und zumindest zwei dieser Mercedes-Baureihen sind für mich mit Erinnerungen verbunden, die deutlich frischer wirken. Mein Vater gehörte zu den frühen Kunden der M-Klasse. Ich wiederum wollte damals eine A-Klasse kaufen. Aus beiden Geschichten lässt sich etwas über Markentreue erzählen. Allerdings mit unterschiedlichem Ausgang.

M-Klasse: Mein Vater blieb, auch als der Name wechselte

Mit der M-Klasse der Baureihe 163 erschloss Mercedes-Benz 1997 ein neues Geschäftsfeld. Die G-Klasse gab es längst. Doch der neue Mercedes aus Amerika verband Straßenkomfort und Geländetauglichkeit auf eine Weise, die ein deutlich breiteres Publikum erreichen sollte. Im April 1997 stellte Mercedes die M-Klasse im eigens errichteten Werk in Tuscaloosa im US-Bundesstaat Alabama vor. Einzelradaufhängungen vorne und hinten sowie permanenter Allradantrieb gehörten zum Konzept.

Damit war die M-Klasse ein früher Vertreter jener Fahrzeuggattung, die das Straßenbild in den folgenden Jahrzehnten gründlich verändern sollte. Damals musste man die Abkürzung SUV noch erklären. Heute genügt ein Blick auf einen beliebigen Supermarktparkplatz. Mein Vater gehörte zu den frühen Kunden. Und offenbar traf Mercedes mit dem Konzept ziemlich genau seinen Geschmack. Denn der M-Klasse und ihrem Nachfolger GLE blieb er bis heute treu. Andere wechseln irgendwann die Fahrzeugklasse. Mein Alter Herr wechselte mit ihr den Modellnamen.

Mercedes-Benz M-Klasse der Baureihe 163

Fahraufnahme von der Mercedes-Benz M-Klasse der Baureihe 163 aus dem Jahr 1997 (Foto: Mercedes-Benz Classic)

Wobei es inzwischen fast unsinnig erscheint, dass jemand, der weit über 80 ist, mehr als 300 PS benötigt, um zum Einkaufen zu fahren. Andererseits war der tatsächliche Bedarf beim Autokauf wohl noch nie das einzige Kriterium. Die Einkäufe dürften sich jedenfalls auch mit weniger Leistung zuverlässig nach Hause bringen lassen. Dass die ersten Vertreter dieser Familiengeschichte nun ins H-Kennzeichen-Alter kommen, ist trotzdem gewöhnungsbedürftig. Im Kopf bleibt die M-Klasse das damals neue Auto meines Vaters. Auf dem Papier wird sie zum historischen Fahrzeug.

A-Klasse: Die Familientradition scheiterte am Sitzkomfort

Noch deutlicher als mit der M-Klasse verließ Mercedes-Benz mit der ersten A-Klasse vertrautes Terrain. Die Baureihe 168 feierte im März 1997 auf dem Genfer Automobilsalon Premiere. Ein kurzer, hoher Mercedes mit Frontantrieb war damals alles andere als selbstverständlich. Das technische Kernstück war die Sandwichkonstruktion der Karosserie. Bei einem schweren Frontalaufprall konnte die Antriebseinheit unter die Fahrgastzelle gleiten, um die Insassen zu schützen.

Zugleich ermöglichte das ungewöhnliche Fahrzeugkonzept viel Innenraum auf kleiner Verkehrsfläche. Zum Start standen A 140 und A 160 zur Wahl. Für mich, der 1998 endlich mit dem Studium fertig war, war die A-Klasse damals tatsächlich ein Kaufkandidat. Vater und Opa waren bereits treue Mercedes-Kunden. Da lag der Gedanke nahe, die Familientradition fortzusetzen. Zumal Mercedes nun erstmals ein Auto anbot, das zu meinem Geldbeutel als Berufseinsteiger passte.

Doch beim gemeinsamen Familienausflug in die Mercedes-Niederlassung fiel die A-Klasse durch. Der Sitzkomfort sagte mir, ich bin mehr als zwei Meter lang, überhaupt nicht zu. Die Sitze der Ausstellungsfahrzeuge erinnerten mich spontan an Campingstühle. Mein Großvater, der damals schon seit mehr als 50 Jahren „Daimler“ fuhr, war entsetzt. Mercedes hatte mit dem kleinen Auto zwar eine neue Zielgruppe im Blick. Mich verlor die Marke ausgerechnet an einer Stelle, an der ich bei einem Mercedes wenig Zweifel erwartet hätte. Ich kaufte einen Audi A3.

Zur Geschichte der ersten A-Klasse gehört natürlich auch der Elchtest. Im Oktober 1997 kippte ein Testwagen bei einem Ausweichmanöver einer schwedischen Autozeitschrift um. Das Manöver gehörte dort schon seit Jahren zum Testprogramm. Doch Mercedes reagierte schnell, überarbeitete das Fahrzeug und stattete die A-Klasse ab Februar 1998 serienmäßig mit ESP aus. Das Stabilitätsprogramm war somit eine Folge der missglückten Vorstellung und gehörte noch nicht zum ursprünglichen Serienumfang beim Start.

Rückblickend ist gerade diese Mischung bemerkenswert: ein mutiges Raumkonzept, ein spektakulärer Fehlstart und eine technische Reaktion, die zur schnellen Verbreitung eines wichtigen Sicherheitssystems beitrug. Die erste A-Klasse hat sich ihren Platz in der Automobilgeschichte zweifelsfrei redlich verdient.

CLK Coupé: Vertraute Formen auf einer anderen Grundlage

Das dritte neue Mitglied im Kreis der H-Kennzeichen-Kandidaten wirkte 1997 deutlich vertrauter. Mit dem CLK Coupé der Baureihe 208 setzte Mercedes seine Coupé-Tradition fort. Die Premiere fand im Januar auf der North American International Auto Show in Detroit statt. Optisch rückte der CLK mit seinem Vieraugengesicht in die Nähe der damaligen E-Klasse. Technisch nutzte die eigenständige Modellreihe jedoch die C-Klasse der Baureihe 202 als Grundlage. Damit verband Mercedes einen bekannten Auftritt mit einer anderen technischen Basis.

Mercedes-Benz CLK Coupé der Baureihe 208

Mercedes-Benz CLK Coupé der Baureihe 208 (Foto: Mercedes-Benz Classic)

Im Lauf der Zeit reichte das Angebot vom CLK 200 über den Sechszylinder CLK 320 bis zum V8 im CLK 430. Das Cabriolet folgte 1998, weshalb die ersten offenen CLK noch warten müssen, bis auch sie die Altersgrenze für das H-Kennzeichen erreichen können. Neben M-Klasse und A-Klasse erscheint der CLK heute beinahe wie der Ruhepol dieses Modelljahrgangs. Während die beiden anderen Baureihen neue Fahrzeugkonzepte und Kundengruppen erschlossen, blieb das Coupé einer vertrauten Idee treu: Großserientechnik bekam ein eleganteres Kleid und zwei Türen weniger.

30 Jahre allein reichen nicht

Natürlich bekommt nicht jede A-Klasse und nicht jede M-Klasse am 1. Januar 2027 automatisch ein H ans Kennzeichen. Entscheidend ist, wann das einzelne Fahrzeug erstmals in Verkehr kam. Mindestens 30 Jahre müssen seitdem vergangen sein. Außerdem verlangt die Einstufung als Oldtimer unter anderem einen guten Erhaltungszustand und einen weitgehend originalen Zustand. Hinzu kommt die erfolgreiche Begutachtung nach § 23 StVZO. Für den Erhalt der Fahrzeuge verweist Mercedes-Benz auf seine Ersatzteilversorgung.

Denn nach Unternehmensangaben betreut Mercedes-Benz Classic rund 160.000 verschiedene Originalteile für Youngtimer und Klassiker. Der Schwerpunkt liegt auf fahr- und sicherheitsrelevanten Komponenten. Dass eine Versorgung besteht, bedeutet allerdings nicht, dass sie günstig ist. Als Beispiele nennt Mercedes für die M-Klasse vordere Kotflügel zu jeweils rund 566 Euro und ein Automatikgetriebe für gut 7.100 Euro. Für die erste A-Klasse steht ebenfalls ein komplettes Automatikgetriebe im Angebot, hier für rund 7.000 Euro.

Solche Beträge können die wirtschaftliche Seite eines Erhaltungsprojekts schnell bestimmen. Vielleicht ist das die eigentliche Nachricht hinter diesem neuen Oldtimerjahrgang: Nun erreichen Autos die Altersgrenze, deren Kauf wir noch ziemlich genau vor Augen haben. Mein Vater entschied sich für die M-Klasse und blieb ihrem Konzept treu. Ich wollte die A-Klasse und kaufte einen A3. Damals waren das Entscheidungen über neue Autos. Heute sind es Geschichten über angehende Oldtimer.


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