Denn im September 1991 brachte Mazda mit dem MX-6 ein Coupé auf den Markt, das sich bewusst vom damaligen Mittelklasse-Einerlei abhob. Bei dem eleganten 2+2-Sitzer setzte Mazda auf die Kombination aus Gran-Turismo-Charakter und technischer Raffinesse. Wobei der japanische Autobauer technisch beim MX-6 ins Großserienregal griff. Unter dem Blech steckte die Technik des Mazda 626 der Baureihe GE. Auch dessen Frontantrieb übernahm das Coupé.
Der MX-6 war ein eigenständiges Coupé auf Basis des Mazda 626
Optisch ging der 4,62 Meter lange MX-6 jedoch eigene Wege. Schon der Vorgänger, das Mazda 626 Coupé, unterschied sich mit einem kürzeren Radstand und einer flacher stehenden A-Säule deutlich von der Limousine. Beim MX-6 trennte Mazda die beiden Welten noch konsequenter. Die flache Front, die rahmenlosen Seitenscheiben sowie das rundlich gezeichnete Heck machten den MX-6 zu einem eigenständigen Gran Turismo.
Damit passte der Mazda perfekt in seine Zeit. Denn Anfang der 1990er-Jahre waren japanische Coupés ausgesprochen selbstbewusst. Honda Prelude, Nissan 200SX, Mitsubishi Eclipse oder Toyota Celica zeigten, dass ein sportliches Coupé nicht zwangsläufig aus Deutschland oder Italien kommen musste. Die Japaner kombinierten auffälliges Design mit Großserientechnik und würzten diese Mischung gerne mit technischen Besonderheiten.
Der MX-6 war dafür ein gutes Beispiel. Er wollte kein kompromissloser Sportwagen sein. Mazda positionierte ihn vielmehr als schnellen und komfortablen Gran Turismo, mit dem sich ebenso gut längere Strecken zurücklegen ließen. Vier Personen konnten zumindest theoretisch mitfahren, wobei es auf den hinteren Plätzen naturgemäß etwas enger zuging. Die große Heckklappe machte den Zweitürer zudem alltagstauglicher, als es seine flache Silhouette zunächst vermuten ließ.
Ein V6 gehörte Anfang der 1990er-Jahre noch zum guten Ton
In Deutschland bot Mazda den MX-6 zunächst mit einem 2,0-Liter-Vierzylinder und 115 PS an. Dazu gab es mit dem Mazda KL einen 2,5-Liter-V6 mit 165 PS Leistung. Er überzeugte mit Laufruhe und einer gleichmäßigen Leistungsentfaltung. Dabei war der Sechszylinder weniger auf spektakuläre Leistungswerte als auf souveränen Vortrieb ausgelegt. Denn auch wenn 165 PS heute nicht mehr überzeugend klingen, sah die Welt Anfang der 1990er-Jahre einfach anders aus.

Der Sechszylinder des BMW 325i der Baureihe E36 bot stolze 192 PS, der Sechszylinder des deutlich teureren Mercedes-Benz 300 CE immerhin 180 PS. Näher lag der MX-6 am 170 PS kräftigen V6 des Opel Calibra. Trotzdem sollte der Mazda KL später im Motorsport für Furore sorgen. Denn Andy Rouse Engineering nutzte eine 2 Liter große Variante des Mazda-Triebwerks ab August 1993 im erfolgreichen Ford Mondeo für die BTCC. Fords Beteiligung an Mazda machte es möglich.
Mit vier gelenkten Rädern durch die Kurve
Aber interessanter als die reine Motorleistung war ohnehin eine andere technische Besonderheit des MX-6. Denn im V6-Modell bot Mazda optional die elektronisch geregelte Allradlenkung 4WS an. Dabei lenkten nicht nur die Vorderräder, sondern abhängig von Geschwindigkeit und Fahrsituation auch die Hinterräder mit. Das verkleinerte beim Rangieren den Wendekreis und sollte bei höheren Geschwindigkeiten für ein stabileres und präziseres Fahrverhalten sorgen.
Bis heute sind Hinterachslenkungen selten. Auch wenn Oberklassemodelle und leistungsstarke Elektroautos diese Technik inzwischen wieder nutzen. Anfang der 1990er-Jahre war sie dagegen ausgesprochen exotisch. Mazda war mit dieser Idee allerdings nicht allein. Besonders die japanischen Hersteller experimentierten damals mit Allradlenkungen. Honda bot bereits den Prelude mit 4WS an, Nissan setzte beim Skyline und anderen Modellen auf das HICAS-System.
Mitsubishi entwickelte ebenfalls entsprechende Lösungen. Die Ingenieure aus Japan schienen damals fest davon überzeugt zu sein, dass vier gelenkte Räder die Zukunft des Automobils seien. Ganz so kam es bekanntlich nicht. Der technische Aufwand war hoch und der Vorteil im normalen Straßenverkehr für viele Käufer offenbar nicht groß genug. Nach einigen Jahren verschwanden die Systeme bei vielen Herstellern wieder. Erst Jahrzehnte später feierte die Hinterachslenkung ein sanftes Comeback.
Heute macht gerade seine Seltenheit einen Teil des Reizes am Mazda MX-6 aus!
Der Mazda MX-6 gehört zu einer interessanten Epoche des Automobilbaus. Damals schien bei japanischen Herstellern technisch fast alles möglich. Allradlenkung, aktive Fahrwerke, variable Ansaugsysteme, komplexe Turbomotoren und immer neue elektronische Helfer fanden ihren Weg in teilweise erstaunlich gewöhnliche Serienautos. Trotz seiner eigenständigen Form und der ungewöhnlichen Technik blieb der große Mazda hierzulande trotzdem eine seltene Erscheinung.
Bis zum Produktionsende 1997 fanden nach Angaben von Mazda nur rund 2.700 Exemplare in Deutschland einen Käufer. Vielleicht lag genau darin das Problem des MX-6. Wer Anfang der 1990er-Jahre einen Mazda wollte, bekam mit dem MX-5 einen Roadster, der schon damals deutlich stärker als emotionales Statement wahrgenommen wurde. Wer dagegen ein Mittelklasseauto suchte, konnte zum praktischeren Mazda 626 greifen.
Der MX-6 saß irgendwo dazwischen.
Elegant, schnell und technisch interessant, aber schwer in eine klassische Schublade zu stecken. Dabei war er keineswegs ein Einzelgänger im Mazda-Programm. Anfang der 1990er-Jahre leistete sich der Hersteller ein erstaunlich breites Angebot ungewöhnlicher Autos. Neben dem MX-5 und MX-6 gab es den kompakten MX-3, dessen nur 1,8 Liter großer V6 damals als kleinster Großserien-V6 der Welt für Aufmerksamkeit sorgte. Dazu kamen Modelle wie der RX-7 mit Wankelmotor oder der extravagante Xedos 6. Mazda zeigte ausgesprochen viel Mut, technische und gestalterische Nischen zu besetzen.
Aus heutiger Sicht macht gerade das diese Epoche interessant. Viele dieser Autos waren keine großen Verkaufserfolge. Aber sie gaben dem Straßenbild Vielfalt. Und genau die ist inzwischen weitgehend verschwunden, denn Fahrzeuge der 1990er-Jahre werden im Alltag kaum noch bewegt. So erinnert der Mazda MX-6 an eine Zeit, in der Hersteller mit ungewöhnlichen technischen Ideen und eigenständigen Karosserien bewusst eigene Wege gingen. Vielleicht ist genau das die beste Erklärung dafür, warum der MX-6 auch 35 Jahre nach seinem Debüt noch immer interessant ist.
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