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60 Jahre Fiat 124 Sport Spider: Ein Spider bleibt sich treu

Manche Autos kennt man aus Büchern. Manche von Oldtimertreffen. Und manche begleiten einen irgendwie durchs Leben, obwohl man selbst nie einen besessen hat. Der Fiat 124 Sport Spider gehört für mich zur letzten Kategorie.

Tom Schwede
Von Tom Schwede
07. Oktober 2026 8 Minuten Lesezeit
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Ein Spider bleibt sich treu
Ein Spider bleibt sich treu

Denn ein Jugendfreund bekam einen solchen Pininfarina Spidereuropa, wie der Fiat 124 Sport Spider am Ende seiner Laufbahn offiziell hieß, zum Abitur. Das Besondere daran: Obwohl der Wagen damals schon einige Jahre alt war, wurde mein Freund tatsächlich sein Erstbesitzer. Denn sein Spider stand zuvor zwei Jahre bei einem Händler im Schaufenster, um dort offenbar geduldig auf seinen ersten richtigen Einsatz zu warten. Und so kam ein fabrikneuer Pininfarina Spidereuropa, wie der Fiat 124 Sport Spider am Ende seiner Karriere hieß, erst mit etwas Verspätung auf die Straße.

Und natürlich gehörten damals gemeinsame Fahrten mit diesem Auto zu unserem Alltag. Einmal tauschten wir für zwei Tage, weil der Golf GTI, den ich als Lehrling fuhr, besser fürs Pendeln geeignet war. Und erst im vergangenen August saßen wir wieder zusammen in diesem Spider und drehten eine Runde an der Ostsee. Dort bin ich aufgewachsen, dort lebt mein Freund bis heute. Und plötzlich waren da wieder der freie Himmel über dem Kopf und diese besondere Mischung aus Leichtigkeit und Sportlichkeit, die den Fiat 124 Sport Spider ausmacht – auch wenn wir inzwischen Mitte 50 sind.

Ein Fiat für Italien und vor allem für Amerika

Womit uns der Fiat nur ein paar Jahre voraus hat. Denn ursprünglich präsentierte FIAT den 124 Sport Spider 1966 auf dem Turiner Automobilsalon. Technisch basierte der offene 2+2-Sitzer auf der kurz zuvor vorgestellten Fiat 124 Limousine. Für den Spider wurde der Radstand allerdings um 14 Zentimeter verkürzt und die Konstruktion verstärkt. So entstand auf Basis der eher braven Familienkutsche ein Sportwagen, der optisch kaum noch etwas mit seinem Ausgangsprodukt gemein hatte. Verantwortlich dafür war Pininfarina. Dort zeichnete der in den USA geborene Tom Tjaarda die Karosserie.

Innenraum des Fiat 124 Sport Spider 1967

Zu beginn seiner Karriere war der Fiat 124 Sport Spider ein klassischer Roadster. Das Armaturenbrett könnte so direkt auch aus einem britischen Konkurrenten stammen. (Foto: FIAT)

Sie glänzt mit einer flachen Motorhaube und den runden Scheinwerfern in ausgeprägten Kotflügeln. Dazu kommen eine elegant geschwungene Seitenlinie und ein knackiges Heck. Alles zusammen macht den Spider zu einem typisch italienischen Sportwagen seiner Zeit. Wobei FIAT von Anfang an nicht nur an Italien oder Europa dachte. Denn der wichtigste Markt des Spiders sollte auf der anderen Seite des Atlantiks liegen. Denn wer in den USA Mitte der 1960er-Jahre einen kleinen offenen Sportwagen suchte, landete schnell bei einem europäischen Hersteller. Und Fiat wollte sich, wie schon mit den Vorgängern Fiat 1200 Spider und 1500 Spider, dieses Geschäft nicht entgehen lassen.

Unter der Haube steckte echte Sportwagentechnik

Von Anfang an war der Sport Spider ein Gemeinschaftsprodukt von Pininfarina und Fiat. Das Designstudio war, wie viele Designer, ursprünglich ein Karosseriebauer. Und so übernahm Pininfarina auch beim Fiat 124 Sport Spider die Fertigung der Karosserien. Im legendären Turiner Fiat-Werk Mirafiori wurden die Autos anschließend komplettiert. Noch interessanter war der Motor. Denn verantwortlich für den Vierzylinder war Aurelio Lampredi, der zuvor für Ferrari gearbeitet hatte. Zwei obenliegende Nockenwellen und deren Antrieb über einen Zahnriemen aus Kunststoff waren 1966 keineswegs alltäglich.

Aus etwas mehr als 1,4 Litern Hubraum holte der Vierzylinder 90 PS. Das klingt heute überschaubar. Doch der Spider wog nur rund 930 Kilogramm. Dazu kamen ein serienmäßiges Fünfganggetriebe und Scheibenbremsen an allen vier Rädern. Auch das war in dieser Klasse alles andere als selbstverständlich. Bis zu 170 km/h waren möglich. Doch vermutlich war es gar nicht die Höchstgeschwindigkeit, die den Fiat so erfolgreich machte. Der Spider sah gut aus, war technisch interessant und blieb gleichzeitig alltagstauglich. Selbst das Stoffverdeck ließ sich mit wenigen Handgriffen öffnen.

Mehr Hubraum, mehr Leistung und zwei Buckel auf der Haube

Vor allem die Amerikaner waren begeistert. Bereits von der ersten Serie AS gingen rund zwei Drittel über den Atlantik. Und FIAT entwickelte den Spider kontinuierlich weiter. Auf AS folgten BS und BS1. Neben zahlreichen Detailänderungen verbesserten die Italiener unter anderem die Bremsanlage und die Führung der Hinterachse. 1971 bekam der Spider einen 1,6-Liter-Motor. Mit zwei Doppelvergasern leistete der Vierzylinder nun 110 PS. Weil der größere Luftfilter mehr Platz benötigte, bekam die Motorhaube ihre charakteristische Wölbung.

Triebwerk des FIAT 124 Sport Spider

Unter der Motorhaube des Sportwagens steckte ein Triebwerk von Aurelio Lampredi. Es startete mit 1,4 Litern Hubraum und wuchs im Laufe der Zeit auf zwei Liter Hubraum an. Zudem gab es zeitweise auch eine 1,2 Liter große Version des Motors. (Foto: FIAT)

Eigentlich hätte eine gereicht! Doch eine einzelne Hutze hätte vermutlich etwas seltsam ausgesehen. Also bekam der Spider aus Symmetriegründen gleich zwei davon. Manchmal entsteht gutes Design eben nicht am Reißbrett, sondern aus der Notwendigkeit, einen Luftfilter unterzubringen. Bei der folgenden Serie CS änderte FIAT die Motorisierung erneut. Kurz darauf folgte der 1,8-Liter-Motor aus dem Fiat 132. In der europäischen Version standen nun bis zu 118 PS zur Verfügung. Damit entdeckte auch der Motorsport den hübschen Italiener für sich.

Aus dem Schönling wurde ein Rallyeauto

Bereits mit der Serie BS1 etablierte sich der Fiat 124 Sport Spider im Rallyesport. Die Kundensportabteilung „Squadra Clienti“ machte aus dem eleganten Cabriolet ein ernst zu nehmendes Wettbewerbsgerät. Die Motoren leisteten bis zu 155 PS, ein eng abgestuftes Renngetriebe, Sperrdifferenzial und Leichtbauteile machten den Spider konkurrenzfähig. Wo es das Reglement erlaubte, drückten Kunststoffteile das Gewicht unter 900 Kilogramm. Wobei die Rallye-Spider nicht offen über die Pisten jagten. Das brachte ihnen bei der Konkurrenz den schönen Spitznamen „Fetzendachbomber“ ein.

1970 holten Alcide Paganelli und Ninni Russo die Italienische Rallyemeisterschaft. 1972 siegten Håkan Lindberg und Helmut Eisendle bei der Rallye Akropolis. Im selben Jahr wurde Raffaele Pinto mit dem Spider Rallye-Europameister. Das Homologationsmodell 124 Abarth Rally bekam einen 1,8-Liter-Motor mit 128 PS, Einzelradaufhängung an der Hinterachse sowie zahlreiche Karosserieteile aus Kunststoff und Aluminium, um das Gewicht zu senken. Rund 1.000 Exemplare entstanden, die als Gruppe-4-Sportler rund 200 PS leisteten. Der hübsche Spider konnte also durchaus anders.

Europa verlor das Interesse, Amerika wollte immer mehr

Obwohl der Fiat 124 Sport Spider im Motorsport immer schneller wurde, ließ das Interesse der europäischen Käufer nach. Ab Herbst 1974 bot FIAT den Spider offiziell nur noch in den USA an. Und dort musste sich der Italiener zunehmend amerikanischen Vorschriften unterwerfen. Besonders auffällig waren die gewaltigen Stoßfänger des Fiat 124 Spider America. Auch die Motoren litten unter den strengeren Abgasbestimmungen. Dem 1,8-Liter-Vierzylinder blieben zunächst nur 93 PS, später sogar noch weniger. Ab 1978 gab es daher einen Zweiliter-Motor.

Fiat 124 Sport Spider bei der Rallye Monte Carlo 1971

In seinen frühen Jahren galt der FIAT 124 Spot Spider als echtes Sportgerät, war auf allen wichtigen Rallye-Pisten zu Hause und feierte dort zahlreiche Erfolge. (Foto: Fiat)

Er brachte es in der Vergaserversion nur auf 83 PS, mit Einspritzung auf 102 PS. Selbst eine Turbo-Version mit 122 PS wurde angeboten. Rund 700 Käufer entschieden sich dafür. Der große Erfolg blieb ihr damit verwehrt. Anfang der 1980er-Jahre kehrte der inzwischen betagte Spider nach Europa zurück. Gleichzeitig änderten sich die Zuständigkeiten. Pininfarina übernahm den Spider gleich ganz. Denn Pininfarina zeichnete nun nicht mehr nur für die Karosserie verantwortlich, sondern übernahm die komplette Produktion. Aus dem Fiat wurde der Pininfarina Spidereuropa.

1985 war schließlich Schluss: Fortschritt, ohne den Charakter zu verlieren.

Mit Zweiliter-Motor leistete der Pininfarina in Deutschland 103 PS. Den Schlusspunkt setzte schließlich der Spidereuropa Volumex. Ein mechanischer Roots-Kompressor hob die Leistung auf 135 PS. Damit lief der Spider bis zu 190 km/h. Pininfarina spendierte ihm dafür ein Sportfahrwerk, Breitreifen und Kotflügelverbreiterungen. Innen gab es Leder, ein Abarth-Lenkrad und eine Ladedruckanzeige. Rund 500 Volumex-Spider entstanden. Die meisten davon gingen nach Deutschland, wo der offene Italiener mindestens 29.600 D-Mark kostete.

Nach 19 Jahren und rund 198.000 gebauten Exemplaren endete 1985 die Geschichte des Fiat 124 Sport Spider. Mehr als 80 Prozent der Produktion lieferten Pininfarina und Fiat wie geplant nach Nordamerika. Bemerkenswerter war, dass die Partner den Spider in seiner 19-jährigen Laufzeit trotzdem kaum kaputtmodernisiert hatten. Vielleicht liegt genau darin ein Teil des Reizes dieses Autos. Denn zwischen dem ersten 90-PS-Spider von 1966 und dem 135 PS starken Volumex liegen deutlich mehr als nur fast zwei Jahrzehnte.

Fortschritt, ohne den Charakter zu verlieren

In dieser Zeit führten die Gesetzgeber erstmals Abgasvorschriften ein. Einspritzanlagen und Katalysatoren hielten Einzug. Die Stoßfänger wuchsen aus Gründen der Sicherheit. Und irgendwann stand nicht einmal mehr FIAT auf dem Typenschild. Trotzdem blieb der ursprüngliche Entwurf immer erkennbar. Das gelingt nicht vielen Autos. Und vielleicht erklärt das auch, warum sich eine Fahrt in einem Fiat 124 Sport Spider selbst 60 Jahre nach seiner Vorstellung nicht wie eine historische Lehrveranstaltung anfühlt.

Pininfarina Spidereuropa

Am Ende seiner Laufbahn boten die Fiat-Händler den 124 Sport Spider als Pininfarina Spidereuropa an. (Foto: FIAT)

Natürlich merkt man dem Auto sein Alter an. Ganz, wie es bei einem Klassiker sein soll. Aber wenn das Dach unten ist, der Lampredi-Vierzylinder vor sich hinarbeitet und irgendwo hinter den endlosen Rapsfeldern der Probstei die Ostsee auftaucht, sind 60 Jahre plötzlich erstaunlich wenig. Und für einen Moment ist man selbst auch wieder etwas jünger.


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